Otto Schmidt Verlag

Wie man sich (nicht) vergleicht (Spangenberg/Spangenberg, FamRB 2022, 244)

Die Verfasser hinterfragen die Dominanz rechtlicher Argumentationen bei Vergleichsverhandlungen. Sie verweisen auf Alternativen, die Vergleichsverhandlungen erleichtern. Schwergewicht der Betrachtungen bilden Familienrechtskonflikte, wie sie vor Gericht und in der Mediation ausgetragen werden.

1. Vorüberlegung
2. Rapport aufbauen
3. Wieviel juristische Logik verträgt eine Verhandlung?
4. Überzeugungen
5. Schnelle Zeit, langsame Zeit
6. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
7. Werte
8. Das Metaprogramm „Vergleichen“
9. Verfahren, die nach einem Vergleich „schreien“
10. Zusammenfassung


1. Vorüberlegung

Unser Verstand verfügt über Programme und Prägungen, die in Gerichtsverfahren eine wesentliche Rolle spielen. Eines der Programme, das logische Denken, dominiert die gerichtlichen Verhandlungen von Konflikten, obwohl es deutliche Schwächen hat. Das logische Denkvermögen bei den Verfahrensbeteiligten ist unterschiedlich ausgeprägt. Selbst Menschen hoher Intelligenz haben mitunter Schwierigkeiten mit juristischer oder mathematischer Logik. Stresssituationen, wie sie bei Gericht gang und gäbe sind, beeinträchtigen ohnehin die Belastbarkeit des logischen Verstands, mit der Folge, dass der logische Verstand frühzeitig erschöpft ist. So kann es vorkommen, dass Beteiligte nach einer gewissen Verhandlungsdauer selbst einfache Zusammenhänge nicht mehr begreifen. Ohnehin arbeitet der logische Verstand langsam, wie Kahneman nachgewiesen hat. Er ist faul, schnell überlastet und überträgt ihm obliegende Aufgaben möglichst an Systeme, die schneller und effektiver arbeiten.

Kahnemans Protagonist ist das nicht logische Denken. Sein Anliegen ist es, die Zusammenarbeit von langsamem Denken und schnellem Denken zu verbessern. Darum geht es uns ebenfalls. Wir werden uns daher kurz dem Phänomen Stress zuwenden, der das Denkvermögen mindert, die Verständigung erschwert und die Verständigungsbereitschaft verringert. Des Weiteren werden wir Konfliktlösungen im Rahmen von Mediation und gerichtlicher Vergleichsverhandlung behandeln. Dabei geht es uns nicht darum, ein geschlossenes Verhandlungsmodell zu entwickeln. Wir beschränken uns darauf, die Möglichkeiten des „anderen Verstands“ zu beleuchten, um den logischen Verstand zu entlasten.

2. Rapport aufbauen
Das Phänomen von Stress ist ein in Gerichtsverhandlungen notwendiges Übel. Es ist konfliktimmanent, lässt sich aber durch Vertrauensbildung und Verbesserung des Verhandlungsklimas (Rapport) vermindern. Rapport mit den Verfahrensbeteiligten, möglichst auch zwischen ihnen, ist der erste wesentliche Schritt auf dem Weg zu einem Vergleich. Für den Erfolg einer Mediation ist Rapport unerlässlich. Deshalb wird ihm dort besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Auch wenn eine Gerichtsverhandlung einen engeren Zeitrahmen als eine Mediation hat, lohnen sich auch hier vertrauensbildende Maßnahmen. Meist wird die dafür aufgewandte Zeit an anderer Stelle wiedergutgemacht. Um ein Beispiel zu geben:

Beispiel
Eine Richterin des AG Groß-Gerau holt die Beteiligten persönlich vor dem Sitzungssaal ab, begrüßt sie einzeln persönlich, stellt sich vor, erläutert kurz den Verfahrensgang, äußert ihre Erwartungen zum Verlauf der Verhandlung und fragt die Beteiligten nach ihren Erwartungen. Dann hört sie die Beteiligten an, wobei sie einzelne wesentliche Aussagen wörtlich wiederholt. Sie erreicht, dass alle Beteiligten bei der Lösung des Falls mitarbeiten.

Beraterhinweis
Jedenfalls gelingt es mit einer derartigen Eröffnung einer Verhandlung den Stresspegel niedrig zu halten. Selbstredend gibt es aber auch andere Mittel, die Verhandlungsatmosphäre zu verbessern, beispielsweise durch Gestaltung der Räumlichkeit.

Wer seinen eigenen Verhandlungsstil verbessern möchte, beobachtet am besten Kollegen oder andere Menschen, denen es leichtfällt, Rapport aufzubauen, um herauszufinden, was sie im Einzelnen dazu befähigt. Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass Wurzel des Rapports eine innere Haltung ist, die mit Menschenliebe zu tun hat.

Ich selbst habe vor einer Scheidung von Eltern zunächst die Kinder begrüßt und zum Abschluss die Kinder verabschiedet. Mit den Worten: „Meine Eltern bleiben mir erhalten.“ habe ich jedem Kind als Erinnerung einen Halbedelstein geschenkt. Diese Vorgehensweise hat mir nicht nur Rapport mit den Kindern verschafft, sondern auch den Rapport mit den Eltern begünstigt.

3. Wieviel juristische Logik verträgt eine Verhandlung?
Die Antwort auf diese Frage folgt aus den Vorüberlegungen zur Langsamkeit und geringen Belastbarkeit des logischen Verstands: So wenig wie möglich: Juristische Gedankengänge sind schwierig. Rechtssprache ist gewöhnungsbedürftig. Eine besondere Form ermüdender Denkprozesse fordern komplexe Berechnungen, wie sie im Unterhalt üblich geworden sind, oder...
 



Verlag Dr. Otto Schmidt vom 19.07.2022 14:29
Quelle: Verlag Dr. Otto Schmidt

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